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Ein Sponsor zum anfassen

Seit seiner Geburt ist HARALD LAYENBERGER (60) eingefleischter Kaiserslautern-Fan. Doch sein Firmenlogo ziert die Brust von Union Berlin. Am Freitag kommt es wieder zum Duell seiner beiden Klubs. Ein Porträt des etwas anderen Geldgebers.

Dezember 2013. DFB-Pokal-Achtelfinale, Union Berlin empfängt den 1.FC Kaiserslautern. Harald Layenberger ist erstmals zu Gast in der Alten Försterei. Mit Freunden und Kollegen macht der Unternehmer und FCK-Sponsor einen Ausflug in die Hauptstadt, hat eine Loge gemietet. Es läuft wie am Schnürchen, Lautern gewinnt 3:0.

Doch „Eisern Union“ beeindruckt Layenberger. Bei der Klub-Hymne von Nina Hagen bekommt er Gänsehaut, ein lautes Pfeifkonzert noch vor dem Ende macht ihn stutzig. Das richtet sich, wie ihn ein Ortskundiger aufklärt, nicht gegen das eigene Team, sondern gegen Heimfans, die vorzeitig das Stadion verlassen. Ein Tabu unter Unionern. Umso mehr imponiert Layenberger, wie die eingefleischten Anhänger ihre Mannschaft trotz der Niederlage feiern. „Das hat prägend eingewirkt. Ich habe den FCK von früher entdeckt“, erzählt Layenberger.

Der Alltag verdrängt das Erlebnis jedoch rasch. Schließlich wohnt Layenberger über 650 Kilometer weit weg und hat mit seiner auf funktionale Nahrungsmittel spezia- lisierten Firma bei Kaiserslautern genug zu tun. Nur einmal im Jahr erinnert ihn Wolfram Bierstedt an den Hauptstadt-Klub. Der Vertriebsleiter des FC Union möchte Layenberger zu jedem Heimspiel gegen den FCK wieder eine Loge verkaufen. Dann meldet sich Bierstedt im April 2016 und fragt einfach mal, ob Layenberger nicht Lust hätte, neuer Hauptsponsor der Eisernen zu werden. Die prompte Antwort: „Nein, ich bin Pfälzer.“ Doch als Layenberger den Hörer auflegt, startet in seinem Kopf ein Film. Es ist wieder Dezember 2013, er steht in der Alten Försterei und saugt die spezielle Atmosphäre auf.

Layenberger bespricht sich mit seinem Mitgesellschafter Michael Weinand. „Es war zu diesem Zeitpunkt klar, dass wir Ende 2016 als Sponsor der Volleyball-Nationalmannschaften aussteigen. Was wäre der nächste Schritt? Hauptsponsor eines Zweitligisten aus der Hauptstadt, dazu die Tradition von Union, das klang sympathisch“, blickt Layenberger zurück. Kurz-fristig fährt er mit Weinand nach Berlin und tauscht sich mit Union-Präsident Dirk Zingler aus. Die Chemie stimmt. Die Zahlungsmodalitäten werden den Wünschen des Sponsors angepasst, für den der eherne Grundsatz gilt: „Wir geben nie das Geld aus, das wir noch nicht verdient haben.“ Kurz darauf sind die Verträge bis 2019 unterschrieben. Etwa 14 Tage nach Bierstedts Anruf wird Layenberger als Union-Hauptsponsor ab Sommer 2016 vorgestellt.

So weit, so normal. Aber warum engagiert sich Layenberger in diesem Maße nicht bei seinem Herzensklub vor der Haustür, sondern wandert weit weg zu einem Ligarivalen? Ein Hauptgrund ist Fritz Grünewalt. Mit dem früheren FCK-Finanzvorstand hat sich Layenberger im August 2014 persönlich überworfen und deshalb sein seit 1990 mit Unterbrechungen währendes und seit 2008 intensiviertes Sponsoring auf dem Betzenberg beendet. Nach Grünewalts Weggang zählt Layenberger seit Beginn der Saison 2016/17 zwar im kleineren Rahmen wieder zu den FCK-Partnern, ist aber froh über die Distanz zum großen Engagement. „Lautern ist meine Rückzugsoase. Hier kann ich mich auf die Arbeit konzentrie-ren“, sagt Layenberger, der dafür an Spieltagen oder bei anderen Events voll in den Union-Modus schaltet.

Der Pfälzer fliegt zu jedem Heimspiel, ist auch mal auswärts dabei. Layenberger lässt Nähe nicht nur zu, er sucht sie sogar. Vor allem zu den Fans. „Sie haben mich zu Union geholt. Ohne die Stimmung und das besondere Umfeld wären wir dort nie Hauptsponsor geworden“, sagt Layenberger, der deshalb „etwas zu-rückgeben“ will.

Sein Sponsoringvertrag enthält 100 Eintrittskarten pro Heimspiel, die Fans erhalten, die sich „einen Stadionbesuch sonst kaum leisten könnten“. In seiner 10er-Loge sucht man Business-Leute vergebens. „Ich will mich auf den Fußball konzentrieren und keine Geschäfte machen. Beim Spiel bin ich im Tunnel, brauche Leidenschaft und Emotionen.“ Manchmal kommt auch Layenbergers Frau mit, ansonsten bevölkern Fans oder „Menschen aus dem Union-Umfeld“ die Loge.

Layenberger ist der etwas andere Geldgeber. Keiner, der nur an seine wirtschaftlichen Interessen denkt oder das Rampenlicht sucht. Layenberger ist ein Sponsor zum Anfassen mit ausgeprägter sozialer Ader. So verkauft er etwa persönlich in einer Fankneipe einen gemein-sam mit dem Berliner Cartoonisten Sam Paff herausgebrachten Kalender. Der Erlös geht an eine Berliner Grundschule in einem sozialen Brennpunkt. Seine zwei von vier VIP-Karten für das DFB-Pokalfinale 2017 zwischen Frankfurt und Dortmund, die jedem Hauptsponsor der 36 Profiklubs zustehen, reicht er weiter, weil ihn der Union-Fanklub aus Halbe am selben Tag zum tradi-tionellen Spargelessen eingeladen hat. Das verpasst er zwar wegen eines Krankenhaus-Aufenthalts, holt den versprochenen Besuch aber später beim Schlachtfest nach. Seinen 60.Geburtstag am 9. April 2017 erklärt er zum Union-Fest und lädt via Facebook 100 Fans – 40 davon sind ihm damals völlig unbekannt – nach dem Auswärtsspiel in Düsseldorf auf ein Party-Schiff ein. „Das hätte völlig in die Hose gehen können, aber letzt-lich war es mein schönster Geburtstag“, erzählt Layenberger strahlend.

Durch seine nahbare und lockere Art bringt er sogar einen ganz speziellen Fanklub auf seine Seite. Bei den Eisernen Kubik-Elfen, einer selbst ernannten „interESSEN-gemeinschaft“, dürfen nur Frauen ab 80 Kilogramm Körpergewicht und Männer ab 100 Kilo Mitglied werden. Einer Firma, die vor allem auch Diät-Produkte vertreibt, können jene Menschen naturge-mäß wenig abgewinnen. Doch als Harald Layenberger 2016 beim großen alljährlichen Union-Skat-Turnier mitmischt, gehen die Kubik-Elfen am Ende auf den Brustsponsor zu: „Harry, du bist ein toller Typ. Jetzt machst du uns noch ’nen Mettriegel, und dann sind wir Freunde.“ Dass er seitdem an der Entwicklung eines Protein-Riegels auf Fleisch-Basis arbeitet, klingt wie ein Witz, ist aber ernst gemeint und bezeichnend für Layenberger.

Die meiste Energie nimmt zuletzt jedoch der Bau der neuen Firmenzentrale in Anspruch. Die wurde im vorigen November bezogen und ist inklusive 5000 Quadratmetern Lagerfläche viermal so groß wie die bisherige. Die Eröffnungsparty steigt am kommenden Samstag, einen Tag nach dem Spiel FCK gegen Union. Seit er Hauptsponsor bei den Eisernen ist, ein schwieriges Duell für Layenberger. „Beim ersten Mal, im November 2016, war ich wie paralysiert, ein wenig hin- und hergerissen“, sagt Layenberger, stellt aber klar: „Das Herz ist vergeben, ich bin in Lautern geboren, mein Vater war 60 Jahre Ordner beim FCK. Das akzeptieren die Unioner auch.“ Die aktuelle Lage erleichtert ihm die Positionierung: „Am Freitag drücke ich dem FCK die Daumen, damit er hoffentlich nicht absteigt.“

Union lässt er deshalb aber nicht außer Acht. Im Gegenteil. Er unterstützt einen Party-Zug der Gäste-Fans und hat für die selten reisenden Kubik-Elfen eine Ausnahmegenehmigung erwirkt, dass deren Bus direkt bis vors Stadion fahren darf, damit ihnen die Besteigung des Betzenbergs erspart bleibt. Egal, wie das Spiel endet, am nächsten Tag wird gefeiert. Auch die Union-Profis aus dem Mannschaftsrat haben sich angekündigt. Man darf gespannt sein, wie lange die außergewöhnliche Verbindung des Pfälzers mit den Eisernen noch anhält.

CARSTEN SCHRÖTER

Quelle: kicker, 26. Februar 2018

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